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Zum Flughafen, bitte!

Foto: Adobe Stock

Zum Flughafen, bitte!

Alexis fährt in Stuttgart seit 24 Jahren durch die Dunkelheit. Tagsüber zu fahren, kommt für den Taxifahrer nicht in Frage - trotz manch schwieriger Situation zu späterer Stunde. Eine Fahrt durch die Nacht.

Björn Springorum

Björn Springorum

Alexis beginnt seinen Arbeitstag, wenn wir alle schon beim Feierabendbier sitzen. Vor 18 Uhr geht es nicht los bei ihm, oft auch erst um 20 Uhr. Schluss ist morgens um fünf, manchmal um sechs. Er ist Grieche, geboren und aufgewachsen auf Rhodos - und auch Nachttaxifahrer aus Leidenschaft. Und das seit 24 Jahren. „Als ich aus Rhodos kam, habe ich erst in der Schweiz und dann in Deutschland in der Gastronomie gearbeitet“, erzählt der 55-Jährige, als ich am Taxistand beim Paulaner Wirtshaus in der Innenstadt zusteige. „Bars, Clubs, das war mein Ding. Also war ich es gewöhnt, spät anzufangen und morgens Feierabend zu machen.“

Alexis und sein Taxi bilden eine homogene Einheit. Eine Synergie. Hinter dem Steuer fühlt er sich wie zuhause, Stuttgart bei Nacht ist sein Terrain, sein Hoheitsgebiet. Er kennt jede Ecke, jede Ampelschaltung, jeden Laden, jede Baustelle. Er selbst wohnt im Westen, deckt auf seinen Fahrten meist die Bezirke West, Mitte, Süd, Ost ab. „Manchmal geht's auch raus zum Flughafen“, erzählt er und lässt den überfüllten Palast der Republik rechts liegen. „Aber wenn, dann eher jetzt demnächst für die frühen Flieger am Morgen. Ab zwölf startet und landet ja nichts mehr.“ Er tritt auf die Bremse, ein Blick auf die Uhr. „Nachts ist auf der Theo 30“, grummelt er. „Da muss man manchmal ganz schön genau auf die Uhr schauen. Einmal wurde ich hier geblitzt - mit paar Kilometern pro Stunde zu viel. 30 Euro, da war gleich eine Fahrt für die Katz.“ Grummeln ist sonst aber so gar nicht seine Art: Alexis plaudert, Alexis lacht, Alexis singt auch mal. „Kommt aber immer auf den Fahrgast an“, hebt er den Finger. „Manche wollen Party, manche wollen Stille. Das muss man abschätzen.“ Gerade nachts sei das Publikum unberechenbar. „Natürlich weiß ich, dass ich anfange, wenn die meisten schon in der Kneipe oder im Restaurant sitzen“, meint er, als die Lichter der Großbaustelle Hauptbahnhof an uns vorbeiziehen. Aber ich mag es nachts trotzdem am liebsten: Mehr Ruhe und weniger Verkehr.“ Recht hat er: Wir fliegen förmlich dahin, vorbei am Schlossplatz in Richtung Marienplatz. Gut, der Tacho zeigt 40, aber so schnell kommt man in der Innenstadt selten voran. Wir lassen die Nachtbusse hinter uns zurück, die wie zu einer festlichen Parade auf den Schlossplatz einfahren und die Nachtschwärmer nach Hause bringen. „Als ich angefangen habe, gab es noch keine Nachtbusse“, erzählt Alexis. „Es gab auch kein MyTaxi, kein FreeNow, kein Uber. Das waren andere Zeiten für uns Taxifahrer.“

„Auch in der Nacht sind die meisten Fahrgäste sehr nett. Fünf Prozent sind allerdings schwierig.“
Die Nacht ist sein Terrain. Foto: Björn Springorum
Die Nacht ist sein Terrain. Foto: Björn Springorum

Der Bedarf sei in den letzten Jahren stetig zurückgegangen - wegen der gestiegenen Konkurrenz, aber auch wegen des deutlich besser ausgebauten Nahverkehrs mit durchgehend verkehrenden S-Bahnen an den Wochenenden. „Für die Menschen ist das toll, aber wir bekommen weniger Fahrgäste ab.“ Meckern kann Alexis über die Situation in Stuttgart trotzdem nicht. „Hier sind viele Messen, viele Kongresse mit Besuchern aus der ganzen Welt. Da werden immer Taxis gebraucht.“ So viele Griechen wie zu seinen Anfangszeiten würde es in der Taxibranche nicht mehr geben. Wir sind inzwischen eine Generation weiter, und die Kinder der Taxifahrer wollen nicht auch Taxifahrer werden.“ Es kann eben auch ein einsamer Job sein. Gerade nachts.

Es werde außerdem eben nicht mehr so viel Trinkgeld gegeben wie früher. Alexis wirft seine langen Haare nach hinten und zuckt mit den Schultern: „Bisschen schade ist das schon. Mit dem Trinkgeld habe ich immer meine Flüge in die Heimat bezahlt.“ Er lässt es sich trotzdem nicht nehmen, regelmäßig nach Rhodos zurückzukehren. „Stuttgart ist eine schöne Stadt, aber sie liegt nicht am Meer“, haut er eine ziemliche Weisheit raus.

Am Marienplatz ist fast nichts mehr los, die Hitze hält sich in diesen Tagen lang in der Stadt. „Die nächsten Stunden werden anstrengend“, sagt Alexis und sieht dabei aber nicht unglücklich aus. „Auch in der Nacht sind die meisten Fahrgäste sehr nett. Fünf Prozent sind allerdings schwierig.“ Und wenn Alexis das sagt, dann meint er es auch so: „Manche nennen mich Indianer, manche beschimpfen mich, manche sind einfach nur unhöflich. Das macht der Alkohol. Nicht jeder kann damit umgehen.“ 

Wenn es gar nicht anders geht, verweigert Alexis auch mal eine Fahrt. „Ich muss mir nicht alles bieten lassen.“ Man wundert sich schon sehr, wie man zu einem wie ihm überhaupt ausfallend sein kann: Schon auf dieser kurzen Fahrt durch die Stuttgarter Nacht war überdeutlich, wie groß sein Herz ist. Und wie gern er allen Hürden zum Trotz diesen Beruf ausübt. Nur blitzen lassen will er sich jetzt nicht mehr. Er müsste es ja eigentlich auch am besten wissen...