
Während die umliegende Welt noch tief schläft, geht es auf dem Großmarkt um vier Uhr wie in einem überdimensionalen Ameisenhaufen zu. Vor den hell erleuchteten Hallen werden große Lastwagen eilig entladen. Gabelstapler sausen umher, transportieren voll beladene Paletten vom Lager vor zur Verkaufsfläche und zurück. Arbeiter stapeln und öffnen Kisten und Kartons mit Obst und Gemüse. Doch das Chaos hat seine Ordnung, jeder weiß, was er zu tun hat. Mitten im Gewusel steht Friedrich Haag in der Halle eines Obst-Importeurs. Er ist die Ruhe selbst. Rasch überblickt er das Angebot des Morgens. Dann sagt er kurz: „Helle Trauben, Spitzpaprika, Papaya“. Der Verkäufer notiert. Haag führt einen Pflanzencenter in Degerloch. Mehrmals ist er in der Woche auf dem Großmarkt, in der Hauptsaison jeden Tag. „Hast Du gute Aprikosen?“, fragt Haag. Nicken. „Drei Kisten.“ „Mangos?“. Wieder nicken. „Flug oder Schiff?“ „Flug.“ Haag schließt die Bestellung ab: „Danke. Alles. Bis nachher.“ Alles geht schnell und mit wenigen Worten. „Man kennt sich.“ Auf zum nächsten Händler. An einem Stehtisch wartet schon der Verkäufer. Haag gibt ihm einen der Zettel, auf dem er handschriftlich die Bestellungen notiert hat. Der Verkäufer überfliegt die Liste: Äpfel, Karotten, Petersilie. „Geht klar.“
Der Großmarkt in Wangen hat sich in den vergangenen 60 Jahren zum drittgrößten Warenumschlagplatz im Land mit 225 Firmen und Anbietern entwickelt. Jährlich werden hier 600 Millionen Euro umgeschlagen. Über 2000 Beschäftigte arbeiten hier. Seit über 40 Jahren ist Friedrich Haag Kunde. Er kennt jede Ecke, alle wichtigen Leute, weiß, mit wem er sprechen muss. Er kommt immer bereits um halb vier. „Früh aufstehen macht mir nichts aus“, sagt er.
„Der frühe Vogel fängt den Wurm.“ So früh am Morgen sei die Auswahl größer und die Qualität der Ware besser. „Der Großmarkt ist eine ganz eigene Welt“, sagt Haag, er ist ein Teil von ihr. Er mag den Kontakt zu den Leuten und feilscht gerne um den Preis. In der Freilandhalle sucht er nach Erdbeeren. „Die Saison ist eigentlich vorbei“, sagt Haag und probiert an einem Stand eine Frucht. „Das sind Sonata“, sagt der Verkäufer. Haag nickt, aber mit dem Preis ist er nicht einverstanden und handelt. Der Verkäufer hält freundlich dagegen. „Erdbeeren für Gsälz?“, fragt Haag. Der Verkäufer deutet auf die andere Palette. Haag winkt ab: „Damit darf ich nicht nach Hause kommen. Fünf Kisten von den Sonata.“ Weiter zu den Kirschen. Und die letzte Station: ein Pflanzenhändler. Haag geht durch die Reihen mit den hohen Schiebewagen, auf denen die Pflanzen stehen. Er zieht eine Palette nach der anderen mit den Setzlingen ein Stück hervor. Immer die linke. „Das bedeutet, dass ich immer die ganze Lage will.“ Sagt ihm das digitale Warenkontrollsystem, was und wie viel er braucht? Haag lächelt: „Ich weiß es einfach.“ Auf der Liste steht auch eine Palme. Sie ist der Wunsch eines Kunden und fast drei Meter hoch.
Dann ist Kaffeepause. Trotz der frühen Uhrzeiten lohnt sich der Einkauf auf dem Großmarkt, sagt Haag. Die Ware wird viel weniger oft umgeladen als das Obst und Gemüse im Supermarkt und hat eine bessere Qualität. Sein Unternehmen betreibt er in der fünften Generation. Wird es eine sechste geben? Muss man abwarten.“ Kurz vor sechs, Haag verlädt seine Einkäufe. Die Palme passt geradeso ins Fahrzeug. Auf dem Rückweg über den Großmarkt lädt er die bestellten Waren zu. Um halb acht ist er zurück in Degerloch, um neun öffnet die Gärtnerei.
Feierabend? Erst um 19 Uhr. Und wenige Stunden später gehen erneut die Lichter auf dem Großmarkt an.